Murgleiter – Etappe 2

Murgleiter – Etappe 2

Is schon doof, wenn man alles vorher durchplant, Abfahrtszeiten der Züge, Haltestellen etc. und dabei völlig vergisst, dass man mit dem Auto auch noch ne Strecke bis dahin braucht. Und das nicht über ne Autobahn, sondern durch ein enges Tal, ohne Überholmöglichkeit. Gestern Abend war auch mit früh schlafen nix, die Nachbarskinder meinten, noch um halb zwölf Riesenpalaver veranstalten zu müssen.

Also muss ich, in Betracht der heute zu erbringenden Tagesleistung, das Frühstück im Hotel sausen lassen und früh los. Heut sind ja wenigstens die Geschäfte offen, so dass das Frühstück auch im Auto stattfinden kann. Es soll auch nicht so heiß werden, das war schon grenzwertig gestern. Über 7 Liter hab ich gestern in mich reinlaufen lassen unterwegs, ohne dass was auf normalem Weg rausging. Das sind fast schon boatengsche Dimensionen.

Erstaunlich gut geht’s mir nach der Tortur gestern. Gut, die Beine tun weh, die Füße auch ein wenig, aber jammern gilt nicht. Die Schmerzen kann man bestimmt auch rauslaufen. Am ersten Anstieg tuts noch weh, aber es wird von Meter zu Meter besser. Jan Ullrich hätte gesagt: Ich hatte gute Beine, und so fühlt sichs bei mir auch an. Also, die Lekis lang gemacht und auf gehts. Beschwingt laufe ich die ersten Kilometer bis zum Hotel Schloss Eberstein und genieße den ersten schönen Ausblick des Tages, dem noch viele weitere folgen sollen.

Alle Höhenmeter, die ich gewonnen habe, verliere ich auf dem Weg sofort wieder, der führt nämlich zurück zum Fluß und dann direkt steil hoch zum ersten großen Berg heute. Es wird immer steiler, aber geht gut voran. Oben ist es zwischen den Felsen spektakulär, tolle Landschaft und ebensolche Ausblicke. So beschließe ich, das zweite Frühstück hier einzunehmen. Obligatorische Capri-Sonne (sic!), Kaminwurzen, Laugenstangen mit lecker Almkäse, cremig-würzig. Apropos cremic-würzig, ich glaub, ich muss da mal was loswerden.

Exkurs: Verrichtungen im Gelände

Wenn man muss, was man hier und da mal muss, ist das im Gelände natürlich nicht so wie man das sonst tut. Egal, ob Nummer 1 oder Nummer 2 ansteht, mitten auf dem Weg geht das garnicht. Nummer 1 ist für Männer ganz einfach, an einen Baum, Paradestellung und los. Für die Mädchen ist egal, ob Nummer 1 oder Nummer 2 ansteht, man braucht einen ruhigen Ort. Wenn also Nummer 2 ansteht, ist das Folgende geschlechterunabhängig zu verstehen. Womit wir beim Gelände wären.

Steilhänge sind doof. Man läuft Gefahr, dem wieder zu begegnen, was man eigentlich loswerden wollte. Wald oder Gebüsch muss also sein, mit einer flachen Stelle dahinter. Möglichst fernab von jeglichem Raubgetier, versteht sich, Aufmerksamkeit wegen diesem ist obligatorisch.

Danach sollte der Wanderer geschlechtsunabhängig für eine Vertiefung im Waldboden sorgen, das gehört sich so. Hier hilft der Wanderstab oder jegliches herumliegendes Gehölz, es muss ja keinen Meter tief werden. Ein Klappspaten wäre optimal, aber wer hat schon sowas.

Wer vorbereitet ist (und auf so etwas sollte jeder vorbereitet sein) hat für den Abschluss des Vorhabens ein geeignetes Zelluloseprodukt seiner Wahl dabei. Wenn nicht, wird er spätestens bei der nächsten Wanderung daran denken. Sehr gut vorbereitete Verrichter haben ein Zelluloseprodukt mit pflegenden Substanzen dabei, denn eins ist hier unabdinglich: Peinliche Reinlichkeit heckseitig, sonst bezahlt man dafür auf dem ganzen restlichen Weg. Wer nicht gut vorbereitet ist, muss sich mit Naturmaterialien der unmittelbaren Umgebung behelfen. Dabei ist dringend darauf zu achten, nicht schneidendes Material zu wählen, ansonsten hat man da Verletzungen, wo sie wirklich keiner braucht.

Abschließend schließt man selbstverständlich das geschaffene Loch sorgfältig und ist mit sich und der Welt mehr als zufrieden.

Ende Exkurs

Warum schreibe ich wohl die gequirlte Kacke, die ihr grade gelesen habt? Weil hier verdammt nochmal an mehreren Stellen, die geeignet gewesen wären, alles vollgeschissen ist. Arschlöcher.

So, also geht’s jetzt erleichtert weiter. Und prompt verliere ich wieder alle Höhenmeter, denn es geht runter ins beschauliche Reichental. Hübsches Fachwerkdorf, wenn da nicht jetzt der zu erklimmende Gegenhang wäre. Die Geologie ist ein Arschloch. Die Sonne auch, die knallt nämlich da jetzt voll rein und ich gebe massig Körperflüssigkeit von mir. Es geht hoch und höher, zum Schluss wird’s nochmal richtig eklig steil. Überhaupt, die Wegführung der Murgleiter ist schon knackig gewählt. Die Beschilderung ist auch großartig, wenn man nicht total pennt, kann man sich nicht oder nur schwer verlaufen. Und wenn man sich mal nicht sicher ist, wos weitergeht, nimmt man den steilen Arschlochanstieg links. Funktioniert immer. Normalerweise, denn ich penne und nehme diesen grade mal nicht und schwupps, ist kein Schild mehr zu sehn. Ich laufe aber weiter den Weg hoch, mache an der nächsten Kreuzung nen Schlenker und bin nach einem noch steileren Arschlochanstieg wieder auf dem Weg. Ich bin so kluk.

Und schon geht wieder steil bergab und ich treffe auf den ersten Brunnen des Weges, genau zur richtigen Zeit, denn meine Vorräte sind fast erschöpft. Ich lasse einen ganzen Liter in mich reinlaufen und fülle dankbar meine Vorräte auf. Der Weg geht nun hoch zum letzten Hindernis für heute, den Latschig-Felsen. Ab jetzt wandere ich auf dem Westweg Richtung Forbach. Die Steigung ist lang und länger, doch ich bin zu meiner großen Verblüffung noch topfit. Bergauf habe ich, im Gegensatz zur sinnlosen und unnötigen Rennerei gestern, die Macht der Langsamkeit für mich entdeckt. Ich mache kurze Schritte und komme in einen wunderbaren Rhythmus, der jeden Berg schafft und kaum Kraft kostet.

Oben angekommen, treffe ich auf die ersten anderen Wanderer an diesem Tag. Fällt mir erst jetzt auf, ich habe den ganzen Tag noch überhaupt keinen Menschen getroffen auf den Weg. Dabei bin ich schon 20 Kilometer unterwegs. Hier oben aber, in der Aussichtskanzel, geben sich die Wanderer quasi die Klinke in die Hand. Eine ganze Stunde bleibe ich hier oben, es ist fantastisch. Man kommt direkt ins quatschen, der eine ist auf dem Westweg unterwegs, einer kommt von irgendeiner Bergbahn und so weiter. Herrlich.

Irgendwann breche auch ich auf, nur noch knappe 5 Kilometer und nur bergab, allerdings steil, sehr steil. Irgendwann, ich bin fast auf der Hälfte unten, muss ich in meiner Trance wieder ein Schild übersehen haben, was mir 3 zusätzliche Kilometer einbringt. Verdammt. Als ich wieder auf dem Weg bin, überhole ich Wanderer, die ich oben getroffen hatte und die ganz schön blöd gucken, denn die hatten mich ja nicht überholt. Ja, wundert euch nur, ich hab mir halt noch was angucken wollen, so.

Es zieht sich wie Kaugummi und ich bin froh, als ich mein Auto erreiche. Die App meldet insgesamt 39963 Schritte und knapp 28 Kilometer insgesamt. Na bravo.

Ich beschließe den wunderbaren Tag in einem Restaurant, in dem ich vor über 40 Jahren schon mal mit Oma und Opa war, bei einem Schwarzwaldurlaub. Ich bestelle gleich 2 Getränke, denn heute war so gar nix mit irgendwo unterwegs einkehren. Insgesamt 5 Liter warens heute, nicht mehr ganz so viel und nichts ist davon rausgegangen, wie man sichs normal vorstellt, nur über die Haut. Erstaunlich.

Morgen ist quasi Ruhetag, nur 17 Kilometer stehen an, sieht auch nicht ganz so schwer aus. Da kann ich was später los, mit Frühstück.

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