Nullzuvier durch die Nacht

Du warst mit Fahren dran. Das war insofern gut, da ich so meine Beckssammlung auflösen konnte, die ja andernfalls schon in 2 Jahren abgelaufen wäre. So begleiten mich wohltemperierte zweieinhalb Sixpacks auf die anstehende Reise nach Stuttgart, um dort die übliche Klatsche abzuholen. Du bittest mich, Dir wenigstens ein Bier für nach der Rückfahrt aufzuheben. Das mache ich natürlich sehr gerne, angesichts der 15 Biere auch kein Problem, wer soll das denn alleine auch saufen.

Uns begleitet auch noch jemand, dessen Namen ich leider vergessen habe. Ist jedenfalls sein allererstes Auswärtsspiel. Na denn, dann auch noch gleich nach Stuttgart, wos ja eh nix zu holen gibt. So habe ich versprochenerweise und in ebenso weiser Voraussicht für die Rückfahrt  die Rückbank gebucht, um mein dann höchstwahrscheinlich biermüdes Haupt betten zu können.

Los geht’s, ich habe großen Durst und so wird die Fahrt sehr kurzweilig und lustig, jedenfalls für mich. Wir kommen gut durch und sind in gut viereinhalb Stunden in Stuttgart, inklusive Pinkelpausen.

Ich hatte eine wohlschmeckende Schupfnudelpfanne mit Sauerkraut und Kassler am Stadion versprochen, leider hat der Schwabe irgendwie das Catering umgestellt, so muss doch eine dröge Bratwurst her. Mist.

Also rein ins Stadion über den hanebüchenen Umweg zum Gästeblock, dieser ist schon gut gefüllt und ich auch. Das Spiel beginnt und Schalke führt, hä, wie jetzt. Da hat doch glatt der Tschuppo in der allerersten Minute einen Lichtblick und macht das Ding mit der Hacke rein. Das kostet mich ein halbes Bier, das sich beim Jubeln irgendwie selbstständig macht. Unglaublich. Noch unglaublicher ist, dass Schalke nachlegt und nach 10 Minuten durch Max Meyer nachlegt, auch noch mit dem Kopf. Wir führen 2:0 in Stuttgart, ich befürchte zu halluzinieren. Meyer mit dem Kopf und Tschuppo mit der Hacke, das muss ein Trugbild sein. Ich brauche dringend ein Bier.

Am Bierstand gibt es tatsächlich Vollbier, wie ich erst jetzt hocherfreut feststelle. Also besser gleich zwei mitnehmen. Auf dem Weg zurück in den Block aus dem Stadion Riesenjubel, na klar denke ich, jetzt geht das wieder los, Anschlusstreffer. Ich betrete das Stadion und sehe nur blau. Die Anzeigetafel auch, denn dort steht tatsächlich 0:3. Du lachst mich aus, weil ich tatsächlich Tschuppos zweites Tor verpasst habe. Die wollen mich doch verarschen, sage ich und meine die Mannschaft.

Die hat weiterhin alles im Griff und macht in der zweiten Halbzeit sogar noch das vierte Tor, wieder durch Tschuppo.  Jetzt glaube sogar ich an einen Sieg, muss mir das Ganze aber morgen nochmal am Fernseher angucken, ob das auch wirklich stimmt oder meiner getrübten Wahrnehmung geschuldet ist.

Gut gelaunt verlassen wir das Stadion und marschieren zum Auto. Ich tue kund, dass ich doch jetzt ziemlich müde bin und mein Haupt betten muss. Ein Bier möchte ich aber noch, also hole ich das aus dem Kofferraum. Du sagst, ich könne mich ruhig hinlegen, ich würde dann irgendwann  zwecks Nahrungsaufnahme geweckt. Also trinke ich genüsslich meinen Schlummertrunk und Du betätigst die Musikanlage. Mir wird schlagartig übel, Du hast nix besseres zu tun als Helene Silbereisen durch die Boxen zu jagen. Den Refräng, den Du dazu schmetterst, den bekomme ich aber noch mit und gröhle aus voller Kehle: „nullzuvier durch die Nacht“! Lustig.

Irgendwann wache ich auf und es gibt tatsächlich endlich was zu essen. Durst habe ich keinen mehr, dafür umso größeren Hunger. Ich schlage kräftig zu und falle danach sofort wieder in komatösen Schlaf, der mich bis zu meiner Haustür bringt. Wir verabschieden uns, Du bedankst dich noch für den Schlummertrunk, der auf Dich wartet.

Am nächsten Tag bekomme ich einen, nein zwei,  Anschisse von Dir, die sich gewaschen haben. Den ersten, weil ich Dir absolut gar kein Bier für nach der Rückfahrt übriggelassen hatte. Uuuupsi, sorry, war keine Absicht, ich hatte anscheinend einfach großen Durst. Den zweiten, weil ich die Rückbank deines Autos großflächig mit Salat dekoriert hatte. Diesen musste ich zurückweisen, wie kann man es denn zulassen, dass jemand in meinem Zustand noch Burger mit Salat isst, also wirklich. Selber schuld. Das hast Du dann auch eingesehen. Brav.

Ich hätte über viele Touren mit Dir schreiben können. Über unsere allererste gemeinsame, nach Wolfsburg im Pokal im Februar, als wir schon am gehen waren, als Wolfsburg dann in der Nachspielzeit noch das 1:1 machte und Schalke im Elfmeterschießen ausschied. Der Dauerregen, wir mussten die Schuhe am Eingang zwecks Kontrolle ausziehen. Auf der Rückfahrt sind wir damals einfach mit 160 unter dem Schnee durchgefahren.

Oder über eine andere Wolfsburgtour, zu fünft in meiner kleinen Kiste, Du ohne Karte, was sich auch dort nicht änderte. Oder über Hamburg. Oder über konspirative Derbyanreisen. Oder München, Hannover, Berlin, oder oder.

Du bist im November gestorben. Erst jetzt bin ich dazu in der Lage, ein paar Zeilen zu Papier zu bringen. Es ist aber seither fast kein Tag vergangen, an dem ich nicht an Dich denken musste. Zu unfassbar ist das, nicht nur für mich. Egal, mit wem ich darüber sprach, jeder konnte und kann es immer noch nicht glauben. Unsere Gespräche werden mir fehlen, gerade weil es oft ins Eingemachte ging. Man konnte das mit Dir, richtig reden, was man weißgott nicht mit jedem kann.

Lustig war es immer, wenn wir unterwegs waren, auch wenn es einem von uns mal nicht so gut ging. Der andere wurde einfach aufgebaut. Da brauchten wir nicht viele Worte.

Du wirst mir fehlen.

Machs gut, Milan.

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